Planetare Intelligenz
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Gibt es Planetare Intelligenz und wenn ja, was würde sie uns raten?

Eine Annäherung.

Für alle erfahrbar leben wir in einer Zeit des Umbruchs. Planetar-ökologisch, Gesellschaftlich, technologisch und selbstverständlich wirtschaftlich.

So selbstverständlich ist der wirtschaftliche Umbruch allerdings nicht. Der alte Maßstab des BIP gilt nach wie vor, die Konsumideologie ist ungebrochen und gesellschaftliche Entwicklung wird immer noch größtenteils mit wirtschaftlicher Entwicklung gleichgesetzt. Unternehmer und zunehmend auch Unternehmerinnen sind die Helden der Gegenwart. Dabei geben die meisten von ihnen Wachstums getriebene Antworten und dies in einer Zeit, die im Interesse des Planeten und seiner nicht menschlichen Bewohner zuerst Ressourcenschonung und Konsumabbau verlangen würde. Allzuoft hören wir alte Antworten auf neue Fragen. Gescheiterte Lösungsstrategien werden in modifizierter, grün gewaschener Form fortgesetzt. Nehmen wir nur dieses Beispiel: Ein Mann, der Millionen neuer Autos auf den Planeten werfen will, die durch die Scheininnovation Elektromotor legitimiert sind. In allem verfolgt er altes Maximalisierungs-Denken: Gigaleistung, Gigafabriken, Giga-Aktienkurs, Weltraumeroberung, Marsromantik.

Man fühlt sich stark an Knabenträume aus den 50er Jahren des fortschrittsgläubigen letzten Jahrhunderts erinnert. Individual-Mobilität wird im elektrischen Mäntelchen vorangetrieben, statt grundlegende Fragen an den Mobilitäts-Anspruch zu stellen. Sollten wir uns in diesem Punkt nicht lieber einschränken, nicht lieber Gruppenmobilität auf bestehender Infrastruktur erleichtern? Sollten wir nicht lieber keine weitere Infrastruktur mit Vakuumröhren für Menschen in Kapseln einrichten? Ein anderer Unternehmerheld betreibt das größte Handelsunternehmen der Welt und treibt damit deren Vermüllung voran. Ein dritter verehrt den ersten - den Autohelden - so sehr, dass er ihm alles nachmacht und nicht erkennbar vom Maximalisierungs-Paradigma abweicht. Ein vierter will die Realität ganz abschaffen und uns als playmobilähnliche Avatare alles in seinem Metaversum erledigen lassen. Server-Energieverbrauch eines mittleren Staates inklusive. So what? Es geht, also wird es gemacht.

Zugegeben, das ist eine Augenblicksaufnahme, noch dazu sehr plakativ. Sie lässt uns aber die Frage nach der planetaren Intelligenz unserer Spezies stellen: Planetare Intelligenz, was ist das überhaupt? Das ist für uns zunächst einmal keine klassische analytische Fähigkeit, die uns ja dahin gebracht hat wo wir stehen, nämlich an den Rand des Zusammenbruchs der lebenserhaltenden Systeme auf der Erde.
Planetare Intelligenz ist eher eine Summe von Eigenschaften und Verhaltensweisen, die eine Ameise, die ihren Lebensraum erhält, planetar klüger erscheinen lässt als uns, oder einen Blauwal, der mit seinen Ausscheidungen das Plankton und damit die Nahrung seiner Energiequelle Krill düngt.

Wo steht in einem solchen Betrachtungsmodus die Stadttaube und wo der Haushund?
An welchen Kriterien messen wir planetare Intelligenz?
Was können wir Menschen von planetar intelligenteren Spezies übernehmen, was nicht?

Eines scheint jedenfalls völlig klar, von uns können sie nichts lernen. Selbst die Haustiere werden sich bald nachdenklich den Kopf kratzen, wenn wir uns weiter wie bisher auf dem maximalen Planeten-Verwüstungspfad voran bewegen. Denn dann wird ihr Futter knapp. Wir aber sollten uns die Frage stellen, ob die Menschheit sich eine Milliarden-Industrie noch leisten kann, die sich allein um Ernährung und Wohlbefinden domestizierter Tiere dreht. Oder eine andere, viel größere, die Nutztiere quält und tötet und dabei einen der großen ökologischen Fußabdrücke erzeugt.

Hier haben wir schon ein erstes Kriterium für planetare Intelligenz:

Sie soll das Wohl aller Planetenbewohner berücksichtigen, nicht nur der Menschen, denn nur alle zusammen machen den funktionierenden Lebensraum aus. Diese Überlegung führt uns zu einem großen Tabuthema, das in der politischen Diskussion allenfalls in Form hoffnungsvoller, derzeit allmählich absinkender Hochrechnungen vorkommt: Wir sind zu viele. Natürlich verbietet sich ein direkter Vergleich mit Fortpflanzungsstrategien tierischer Populationen, dennoch lässt sich nicht übersehen: Außer Milliarden von Nutztieren sind nahezu alle Spezies in einem selbst regulierenden Gleichgewicht von Ressourcen-Verfügbarkeit und Anzahl der Individuen.

Das ist bei uns Menschen nicht so, denn jedes Individuum verlangt eine gewisse Ressourcen verschlingende Grundausstattung und empfindet es zurecht als falsch, wenn diese ihm vorenthalten wird. Damit kommen wir an einen zentralen Punkt: Der Mensch orientiert sich überwiegend an den Menschen, die schon da sind und dies mittlerweile überwiegend medial, d.h. weltweit ist die Sehnsucht nach dem Lebensstandard materiell hoch entwickelter Gesellschaften bestimmend geworden.


BILDUNG.

Hier ließe sich doch etwas machen. Wir könnten doch den nachwachsenden Menschen beibringen, dass sie einfach nicht mehr so viele Ressourcen zu verbrauchen haben, wie ihre Vorgänger. Aber wann wird diese Maßnahme ihre Wirkung entfalten und geht es hier vielleicht doch nur wieder um ethische und ästhetische Modifikationen, die nur wenig an der Konsumseligkeit des Homo Sapiens ändern würden? To be discussed.

Allerdings sind wir damit auf einen weiteren, vielleicht den zentralen Punkt der planetaren Intelligenz gestoßen. Anders als jede universitätslose Spezies, passt der Mensch sich relativ langsam an neue Anforderungen an. Langsam nicht als Einzelwesen, sondern als Kollektiv. Denn eine Gesellschaft muss ja erstmal durchdrungen werden und währenddessen machen andere Gesellschaften schon wieder etwas ganz Anderes, vielleicht Gegenläufiges. Die Planeten schonenden Arten dagegen müssen keinen intellektuellen Umweg gehen. Wenn ihnen die Ressourcen ausgehen, reduziert sich die Anzahl der Individuen, im Extremfall bis zum Nullpunkt.


Hier zeigt sich eine überraschende Erkenntnis:

Die geringe intellektuelle Intelligenz der tierischen Individuen hilft ihnen, sich als Spezies Ressourcen adäquat also planetar intelligent zu verhalten, während die hohe funktionale Intelligenz des Menschen sein Ressourcen adäquates Verhalten als Spezies auf zwei Wegen behindert. Zum einen ist die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen gemeinsam mit der sozialen Intelligenz des Individuums ein Treiber der Planetenzerstörung, beide haben uns dahin gebracht, wo wir heute stehen, nämlich an den Abgrund. Zum anderen verzögert ein langwieriger Prozess zähen gesellschaftlichen Umlernens die unmittelbare Anpassung der Menschen an die Ressourcen-Krise und damit die Überwindung des planetaren Niedergangs. Ein bis zwei Generationen könnte das durchaus dauern.

Und natürlich behindert das Eigeninteresse gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Akteure den planetenfreundlichen Wandel. Während das Eigeninteresse eines Tiers sich ziemlich bescheiden auf die tägliche Sättigung von sich selbst und seinen Nachkommen richtet. Welches Reh würde schon einen Tonnen großen Vorrat an selbstgerupftem Gras anhäufen und damit die Ressource Grünfutter für alle anderen Rehe verknappen? Welcher Berglöwe 50 Ziegen auf einmal erbeuten und sich dadurch langfristig auf der sicheren Seite wähnen? Dergleichen bekommt nur der Mensch zustande. In kleinem Maßstab gelingt das vielleicht noch der einen oder anderen vorratsbildenden Art wie z.B. Raben oder dem Eichhörnchen, das allerdings unsere modernen Wälder mit geschaffen hat, weil es den überwiegenden Teil seiner vergrabenen Nüsse vergisst und damit Bäume sät, seine zukünftige Nahrungsquelle als Spezies.

Der Mensch hingegen pflegt den paläolithischen Irrglauben an die lebenssichernde Kraft von Ressourcen-Anhäufung. Ein Glaube, der sich noch heute in der Anhäufung von Kapital, Status und Besitz manifestiert. Das hilft uns schon jetzt nicht mehr weiter. Es ist also planetar dumm. Während die Ameise bescheiden und im Rahmen ihrer ökologischen Nische weiter Nadeln zu Hügeln stapelt und tote Fauna entsorgt, arbeitet der Mensch aktiv und in immer größeren Dimensionen gegen den Planeten. Die planetare Intelligenz, also das Vermögen dem Planeten zu nützen, scheint bei der Ameise größer zu sein als beim Menschen. Wir sind noch einige Schritte von einem Index für Planetare Intelligenz entfernt, noch sammeln wir, und um klarer zu sehen, kehren wir am besten die Perspektive um.

Lassen Sie uns kurz den Blickwinkel eines hypothetischen, außerirdischen Betrachters einnehmen, der für sich selbst eine Rangordnung aufstellen und den Menschen notgedrungen auf einen der hintersten Plätze für planetare Intelligenz einordnen würde. Welche Lösungsstrategien, welche neuen Antworten, welche vom Menschen selbst schon vergessenen, uralten Antworten würde dieser nüchterne Betrachter geben, nachdem er vielleicht die eingangs gemachten Überlegungen angestellt hätte? Vermutlich käme er auf viele Antworten, die wir schon kennen, aber weitgehend von unserem praktischen Handeln abkoppeln. Und damit ist nicht gemeint, dass einfach nur der Endverbraucher sein Verhalten ändert, damit alles besser wird. Viele kleine Schritte sind nötig, ja sicher, das auch. Aber da der Mensch sich nun mal an anderen Menschen orientiert und die sich am Angebot materieller und immaterieller Waren, muss sich schon auch etwas ganz Großes ändern.

Immer mehr Leute spüren das, sie glauben aber noch nicht, dass es möglich wäre, wenn sie zum Beispiel schon morgens zwischen Tausenden von Autos im Verkehr stecken, wenn sie wieder in Menschenmassen am Flughafen klemmen, wenn immer, sowieso immer und ununterbrochen Lieferwagen mit überwiegend entbehrlichen Produkten durch ihre Straßen rasen. Wenn ihre Kinder schwermütig werden, weil sie das neueste Technik-Gadget nicht bekommen, wenn, oh Gott, es zu Weihnachten einfach mal nichts gibt, alle zu Hause bleiben und von Angesicht zu Angesicht miteinander reden. Sie wollen Etwas ändern, aber sie trauen sich nicht so ganz, könnte der Betrachter denken. Etwas Großes, Unübersehbares muss sich ändern und es sollte am besten keinen totalen Systemzusammenbruch auslösen.


Wie bekommt man die Menschen aus ihren planetar dummen Routinen? Was tun?

Nehmen wir an, der Betrachter würde die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels erkennen und er würde sofort verstehen, dass der Teufelskreis von Konsumsucht, Produktion und Planetenverwüstung sich selbst am Laufen hält. Dass hier also der moderne Mensch als Suchtkranker zu betrachten ist - ebenso wie moderne Manager und moderne Büroarbeiter; letztlich also in unterschiedlicher Ausprägung die meisten Teilnehmer an unseren Gesellschaften. Vielleicht würde der extraterrestrische Betrachter über Strategien des Entzugs nachdenken: Kalter Entzug, allmähliche Entwöhnung, kontrollierter Verbrauch, Substitution etc. Jede Therapie beginnt mit der Einsicht des Therapiebedürftigen. Das wären in unserem Fall die wachstums- und konsumsüchtigen Gesellschaften.


Wie aber therapiert man Gesellschaften?

Unter dieser Überschrift wird der nächste Artikel verschiedene Lösungs-Ansätze betrachten.

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